Mitten in der Nacht auf der Ansitzjagd Schwarzkittel ansprechen? Das ist im Elsass durchaus möglich. Eine leidenschaftliche Jagd, die ständige Aufmerksamkeit fordert und einem einen wohligen Schauer über den Rücken jagt, wenn aus einem Traum Wirklichkeit wird.

Seit zwei Tagen schneit es ununterbrochen. Aber die Wetteraussichten sind vielversprechend: Heute Nacht soll der Himmel einige Stunden lang aufklaren, bevor die nächste Schlechtwetter-Front naht. Perfekte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ansitzjagd auf Sauen. Seit über 20 Jahren sind Jäger aus dem Elsass und dem Département Elsass-Mosel autorisiert, eine spezielle Jagdmethode auszuüben, die im restlichen Frankreich ausschließlich Oberjägermeistern vorbehalten ist. Wenn man im Elsass von den anderen Regionen des Landes spricht, dann ist vom „inneren Frankreich“ die Rede. Denn im Elsass pflegt man eine gewisse Unabhängigkeit, die mit bestimmten Traditionen und Privilegien einhergeht. Das betrifft auch die Jagd: beispielsweise die Jagdzeit, aber auch Jagdmethoden, die mit der Geschichte des „Landes im Land“ verbunden sind und zum Teil auch einem deutschen Einfluss unterliegen. So werden Wildschweine vom 15. April bis zum 1. Februar des darauffolgenden Jahres bejagt. Die Schonzeit steht unter dem Zeichen der „destruction“ (= Zerstörung), einem administrativen Begriff, der eine Verlängerung der Jagdzeit bezeichnet – allerdings mit einer winzigen Nuance: Die Nachtjagd ist dann verboten. Verstehe das, wer will.

Aber das betrifft uns nicht, denn jetzt im Januar ist alles und sogar noch ein bisschen mehr erlaubt. Denn im Unteren Elsass sind seit einigen Monaten Nachtsichtgeräte erlaubt – mit der Begründung, die Effizienz und Sicherheit zu erhöhen. Wir sind zur Ansitzjagd in Bergbieten eingeladen, einem kleinen Dorf an der Weinstraße, wo die köstliche Flüssigkeit produziert wird, die so wunderbar zur Wildschwein-Küche passt. Unsere Gastgeberin ist Aliette Schaeffer, die Präsidentin der Fachgruppe „Wildtiermanagement“. Sie hat uns in ihr Revier eingeladen, in dem man dem Niederwild sehr viel Aufmerksamkeit widmet: Brachflächen, Hecken und der Zukauf von Flächen, die der kleinen Fauna artgerechten Raum bieten… es mangelt an nichts. Aber: „Wildschweine wollen wir hier nicht!“, versichert die Jägerin mit entschlossenem Tonfall. Genau genommen, muss heute Abend jedes gesichtete Wildschwein kurz darauf eine tote Sau sein – ausgenommen sind Bachen mit Frischlingen, die jedoch durchaus mit einem Schuss verschreckt werden dürfen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.

Der uns zugewiesene Ansitz trägt den Namen „Kathedrale“. Nicht, weil es sich hierbei um ein religiöses Monument handelt, sondern aufgrund seiner außerordentlichen Höhe, die einen kilometerweiten Panorama-Rundblick ermöglicht. Heute Abend werden wir den Engeln ganz nahe sein… Als wir aus dem Auto steigen, peitscht der Nordwind unsere blanken Wangen und beißt in unsere Finger, die Schutz in den Woll-Fäustlingen suchen. Mindestens 20 Zentimeter hoher Pulverschnee bedeckt die Landschaft und schluckt jedes Geräusch. Selbst der Klang der Kirchenglocke, der aus dem nahegelegenen Dorf herüberhallt, erstickt förmlich unter dieser Schneedecke, die die Rebstöcke der menschenleeren Weinberge umhüllt. Keine einzige Spur ist zu sehen, was verständlich ist, da es erst vor einer knappen Stunde aufhörte zu schneien. Der Himmel ist grau, hängt tief und scheint bereit für weitere Schneegaben. Die angekündigte kurze Wetterberuhigung lässt uns auf einen geradezu magischen Moment hoffen.

Langsam nähern wir uns der „Kathedrale“. Es herrscht eiserne Stille. Alles scheint wie vom Schnee verschluckt. Der Wind sorgt für hüfthohe Schneeverwehungen an den Rändern der Hohlwege. Dem Hund ist wohl bewusst, dass anstrengendes Voranpreschen in diesem Schnee vergeblich ist und begnügt sich damit, dem zweibeinigen Schneepflug zu folgen, der voranschreitet. In der Ferne sehen wir die Lichter des Dorfes, die uns daran erinnern, dass die Normalsterblichen gerade alle am Kaminfeuer sitzen und wir im Begriff sind, für einige Stunden auf einem Ansitz zu verharren. Ein schneller Blick durch das Nachtsichtgerät in den nahegelegenen Wald offenbart uns den Anblick dreier Rehe, die unter einem entwurzelten Baumstumpf ruhen. Wir müssen weiter, denn es wird Nacht und der Ansitz wartet.

Endlich erreichen wir die „Kathedrale“. Der Hund legt sich auf einer Isomatte ab und wir beziehen fünf Meter weiter oben unser Quartier. Wie versprochen erleben wir einen kilometerweiten Rundblick. Genau vor uns erstreckt sich ein kleines, beidseitig von Akazien flankiertes Tal. Wie befinden uns genau in der Mitte einer Ebene, die zwei große Waldgebiete voneinander trennt. Eine Stelle, an der oft Schwarzwild bricht, um von einem Waldgebiet in das nächste zu wechseln. Wobei sich die Sauen dabei in der Ebene durchaus die Zeit für einige Flurschäden nehmen. Auf dieser makellosen weißen Schneedecke dürften die Schwarzkittel problemlos auszumachen sein. Es dauert nicht lange und schon lassen sich die ersten Hasen blicken, die sich auf der Schneedecke Wettrennen liefern. Als die Wolkendecke – völlig unerwartet – aufreißt, erblicken wir im letzten Abendlicht für einen kurzen Augenblick das Bergmassiv der Vogesen. Dann fällt auch schon der Vorhang. Es ist Nacht. Eine nicht allzu dunkle Nacht, in der wir Gelegenheit haben, diverse Vertreter der Tierwelt und ihre Aktivitäten zu beobachten.

Eine Kornweihe erreicht noch im letzten Augenblick vor Einbruch der Finsternis ihr Gelege zu unserer Linken, während eine Waldohreule die melancholischen Strophen ihrer Balz singt. Die Liebe scheint ihren Appetit anzuregen, denn plötzlich fliegt sie eine Fasanenschütte an, wo der niedergetrampelte Schnee es ermöglicht, einige Nager zu fassen, für die das dann die letzte Mahlzeit war. Und es gibt weitere Verliebte an diesem Abend: Füchse in der Ranzzeit, deren heiteres Bellen die Nacht durchdringt. Offensichtlich buhlen zwei Rüden um eine Fähe. Eine Situation, die zwischen Männern geregelt wird. So wie es für die stets mit Umsicht agierenden Füchse typisch ist. Schließlich betreten drei weitere Akteure des Abends die Bühne: unsere drei Rehe, die den Zweibeiner und seinen Hund sicherlich längst wahrgenommen haben, dann abwarteten bis er sich offensichtlich entfernte, um dann im Schnee nach Nahrung zu scharren.

In der Deckung unseres Ansitzes werden wir Zeugen eines außergewöhnlichen Naturspektakels. Unser Blick fällt auf den unten am Ende der Leiter liegenden Hund, der offensichtlich ebenfalls den Moment genießt und verstanden hat, dass er sich nicht rühren darf als jetzt eine Ricke und ein Kitz unweit aus dem Dickicht brechen. Die Ricke ist nervös, wendet sich ab und bellt, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. Die plötzliche Flucht kann keinem zufälligen Spaziergänger zuzuschreiben sein, es ist bereits nach 18 Uhr und die Ausgangssperre gilt längst. Lediglich Jäger genießen eine Sondergenehmigung, weil sie zum Wohle der Öffentlichkeit im Einsatz sind. Wir fühlen uns wie die einzigen Menschen auf der Welt. Manchmal ist ein Unglück auch für etwas gut…

Die beiden Rehe springen durch den Schnee und entfernen sich. Nicht, ohne zuvor einen unruhigen Blick auf den Hund geworfen zu haben. Wir blicken ihnen mit dem Nachtsichtgerät hinterher, das uns den Blick in eine andere Welt gestattet. Es offenbart uns den Blick auf eine lebhafte Fauna, die auch noch in mehreren hundert Metern Distanz Hasen, Füchse und sogar in ihren Nestern ruhende Drosseln erkennen lässt. Unfassbar.

Dank perfekter Funktionskleidung kann uns die Kälte nichts anhaben. Und das konzentrierte Beobachten der Tiere lässt uns die Zeit vergessen. Gegen 20 Uhr reißt uns das Knacken eines Zweiges aus dem Dämmerschlaf. Ein Blick hinunter zur Leiter lässt keinen Zweifel offen: der Hund hat sich aufgesetzt und trägt die untrügliche Nase hoch im Wind. Da kommt etwas auf uns zu. Das Nachtsicht-Aufsatzgerät ist auf das Zielfernrohr gesteckt, der Karabiner geschultert. Kurz darauf zeichnen sich drei Silhouetten am Waldrand ab: Wildschweine.

Die Sauen sind angesichts der Schneefläche vorsichtig und zögern noch, die Ebene zu betreten. Doch nach 15 Minuten wagen sie sich heraus und nähern sich der Fasanenschütte, die jedoch so gut gesichert ist, dass ihnen die Stöße der Schwarzkittel nichts anhaben können. Nun entfernt sich eines der drei Wildschweine von den anderen und kommt uns direkt mit der Schulter vor die Flinte. Dank des Schalldämpfers und des Schnees ist der Schuss kaum zu hören und die beiden anderen Sauen verharren regungslos und halten Ausschau nach dem dritten Schwarzkittel, der im Schnee verschwunden ist. Sie sind jedoch alarmiert und das Geräusch des Zylinderkopfes, der dem Schuss vorausgeht, lässt uns keine zweite Chance.

Wir geben Aliette ein Zeichen. Sie ist einige Hundert Meter weit von uns entfernt und hat nichts gehört. Als wir die Leiter des Ansitzes herabsteigen, überrascht uns ein Schneesturm, der fast komplett die Sicht einschränkt. Wir müssen uns beeilen, um das Gebiet zu verlassen. Auch unsere Sau muss schnell gefunden werden, denn die Situation könnte sich schnell zu unseren Ungunsten wenden. Dank des Nachtsichtgeräts machen wir den noch warmen Kadaver schnell aus. Es ist ein kleiner Keiler, der zügig aufgebrochen wird, um eine optimale Qualität des Wildbrets zu sichern. Im Elsass legen die Jäger ausgesprochen viel Wert auf das Wildbret. In diesem Fall wird es einem im Dorf lebenden Landwirt überreicht, der im kommenden Jahr Land für Brachflächen zur Verfügung stellt.

Weil wir den Engeln in dieser weißen Hölle so nahe waren, war uns Sankt Hubertus gewogen. Hier, wo in jeder Ackerfurche und hinter jedem Baum Spuren einer Jahrtausende alten Jagdtradition zu finden sind. Und jetzt erfolgt diese Jagd mit modernen Mitteln, die uns – so hoffen wir zumindest – verhilft, die Bindung zwischen den einzelnen Mitwirkenden zu festigen.

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