Vernehmlich ist nur das leise Ächzen und Knarzen der hohen Fichten, die sich schwerfällig im Wind bewegen. Sonst ist es ganz „stad“ in den Bergen, als wir die gemütliche, wohlig-warme Hütte verlassen und in die frische, kalte Bergluft hinaustreten. Der Schnee scheint alle Geräusche verschluckt zu haben. Sogar die Worte unserer eigenen Unterhaltung dringen nur gedämpft an unsere Ohren. Eigentlich sieht die Schneedecke gar nicht so hoch aus, doch als wir den Weg verlassen und den ersten Schritt ins frisch gefallene, unberührte Weiß setzen, versinken wir bereits bis zu den Knien. Und so gibt unser kleiner Trupp ein kurioses Bild ab: Wir sind mit einem einzigen kleinen Schritt um ein Drittel geschrumpft.

Doch das ist es, worauf ich gehofft hatte, als ich die Einladung zu dieser Reise erhielt. Einmal zur winterlichen Gamsjagd in die Berge, wenn richtig hoher Schnee liegt und die Landschaft fast nur eine Farbe kennt: Weiß.

Dabei standen die Vorzeichen eigentlich zunächst schlecht. Die Wetterprognose war noch 14 Tage vor unserer Abfahrt zu warm für die Jahreszeit, Änderung schien nicht in Sicht. Doch dann schlug das Wetter um, und der erste Schnee fiel, erst in den Bergen, dann bis hinunter in die Täler, und überzog alles mit seiner weißen Pracht. Es schneite nahezu ununterbrochen und hörte erst am Tag unserer Anreise in die Steiermark wieder auf.

Das Revier liegt ganz in der Nähe des Nationalparks Gesäuse. Eine Gegend, die sich unberührte Winkel bewahrt hat, nicht so überlaufen ist und mit ganz besonderer Schönheit begeistert. So türmen sich über uns die mächtigen Gipfel der Kalkalpen auf, während zu unseren Füßen die wilden Schluchten und Klüfte der Enns gähnen. Das ganze Gelände eingebettet in eine dichte Waldlandschaft. Die Ruhe und Ursprünglichkeit wirken, als wäre die Schöpfung eben erst vollendet, und wir dürften den ersten Fuß dort hineinsetzen. Steinadler kreisen in der Luft und schrauben sich in die Höhe, der Wind bürstet sanft den Schnee von den Fichten und bestäubt uns bis zu den Wimpern mit Puderzucker.

Zunächst wollen wir ein wenig pirschen, um zu sehen, wo das Gamswild steht. Andreas, der ortsansässige Berufsjäger, der in diesem Revier die Revieraufsicht übernommen hat, kennt die Einstände des Gamswildes genau und möchte mich und Christian, einen guten Freund unserer Familie, jeweils an eine Gams heranführen. Im Gänsemarsch geht es los, Andreas vorweg, wir folgen jeweils in den Fußstapfen des Vordermanns, um möglichst viel Kraft zu sparen. Nur langsam kommen wir voran. Bereits nach einigen Hundert Metern bergauf merken wir, wie anstrengend das Gehen im hohen Schnee ist.

Jeder einzelne Schritt fühlt sich an wie ein Kniehebelauf. Ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln verrät uns bereits jetzt, wo uns morgen der Muskelkater schmerzen wird. Wir reden nicht viel, sparen Energie und konzentrieren uns ganz auf das Laufen im Schnee. Dankbar für jeden Zwischenstopp, den Andreas uns gönnt, glasen wir die umliegenden Hänge und Flächen nach Gamswild ab. Doch die Verschnaufpausen währen nur kurz.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, als Andreas unterhalb von uns im hohen Fichtenbestand auf einer kleinen Lichtung einen Gamsbock entdeckt. Kaum auszumachen ist das Tier, man sieht nur ab und zu die Krucken hinter einer Schneewehe hervorlugen. Doch Andreas ist sich sicher, dass dieser Bock eine nähere Betrachtung wert ist. Dafür müssen wir ein wenig durch den hohen Fichtenbestand querfeldein laufen, was sich als ziemlich beschwerlich erweist. Was von oben wie eine plane Schneedecke wirkt, offenbart sich ein paar Zentimeter unterhalb der Kristalloberfläche als ein Gewirr aus umgestürzten Bäumen, Felsbrocken, Ästen und Steinen. Hier liegt der Schnee jetzt noch höher, und wir sinken teilweise bis zur Hüfte ein.

Der unverzichtbare Begleiter auf der Bergjagd, der Pirschstock, leistet uns wertvolle Hilfe. Immer wieder tasten wir mit unseren Stöcken den Boden ab, bevor wir den nächsten Schritt setzen. Mitunter stützen wir uns seitlich in den Hang auf den Stab. Das alles tun wir so geräuschlos und vorsichtig wie möglich und immer eingedenk des Bockes, der vielleicht passend schon direkt unter uns steht. Dank des Schnees, der jeden Laut unseres Nahen verschluckt, schaffen wir es noch etwa 30 m voran. So erreichen wir eine gute Schussposition.

Manchmal passt es eben

Jetzt zieht der Bock ein Stück weiter und zeigt seine gesamte Statur. Andreas kann ihn nun noch einmal präzise ansprechen. Er nickt mir zu, da bedarf es nicht vieler Worte. Er macht mir Platz an einem Baum. Den Schießstock lehne ich an die Fichte, sodass ich eine stabile Schießposition einnehmen kann.

Der Bock äugt in meine Richtung, hat er uns etwa doch mitbekommen? Ich bin mir nicht sicher, möchte jedoch jetzt auch nicht zu lange zaudern und riskieren, die entscheidenden Sekunden aufs Spiel zu setzen. Ich spanne meine Waffe. Das Absehen ruht sicher auf dem Wildkörper, ich atme ein letztes Mal ein. Und wieder aus. Dann lasse ich die Kugel fliegen. Der Bock liegt!

Die Anspannung macht der Erleichterung Platz. Ich bin glücklich, dass alles so gut geklappt hat und die Kugel den Bock sicher an seinen Platz bannte. Andreas und Christian gratulieren mir, ich kann es noch gar nicht fassen, schließlich ist alles so schnell gegangen! Wir waren ja noch gar nicht lange unterwegs gewesen. Dass das erste Stück, das man in Anblick bekommt, gleich ein passender Gamsbock ist, gehört ja nicht unbedingt zu den Grundregeln der oft so unberechenbaren Bergjagd.

Die Schussdistanz war nicht weit gewesen, etwas mehr als 160 m, doch dafür steil den Berg hinunter, quer durch den hohen Fichtenbestand. Wie schwierig die Fortbewegung bei dieser hohen Schneelage ist, durften wir eben schon erfahren, doch jetzt wird es nicht gerade einfacher. Ich entlade meine Waffe, bevor wir uns langsam und vorsichtig auf den Weg zu meinem Gamsbock machen.

Immer wieder sinken wir bis über die Hüfte in Löcher ein, rutschen halb den Hang hinunter oder stolpern über den unebenen Untergrund. Glücklicherweise fängt der Schnee jeden dieser Stürze sanft wie ein Kissen ab. Am Stück angekommen, erweisen wir dem Gamsbock die letzte Ehre. Christian überreicht mir meinen Bruch. Wir sitzen noch lange am Stück, kommen erst jetzt so richtig ins Plaudern, während uns Andreas noch ein paar Tricks über das Ansprechen von Gamswild verrät.

Das Bergen der Gams geschieht einfacher als gedacht. Wir müssen sie Gott sei Dank nicht durch den Fichtenwald nach oben schaffen. Andreas zieht die Gams weiter abwärts, wo wir bald auf den nächsten geräumten Forstweg treffen. Dort warten wir ein wenig, bis Andreas das Auto geholt hat und wir die Gams komfortabel zur Hütte transportieren und dort auch versorgen können. Als auch das erledigt ist, ist es noch nicht einmal 11 Uhr. Der halbe Tag liegt noch vor uns, den wir in der gemütlichen Jagdhütte in behaglicher Atmosphäre ausklingen lassen.

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