Seit April 2022 gibt es aus der Wetzlarer Ingenieurs-Schmiede das kleinste Fernglas mit Entfernungsmesser, welches mich ein gutes halbes Jahr durch Afrika und die herbstlichen Wäldern Europas begleitete…
Von den Erfahrungen möchte ich hier berichten…

Seit gut zehn Jahren habe ich das Leica Geovid 8×42 und war damit quasi „auf der gesamten Welt“. Es hat ohne technischen Schaden extreme Hitze und Kälte, Höhe und Tiefe überstanden und immer funktioniert. Durch erste Hinweise in Fachforen („Leaks“) und den folgenden Pressemitteilungen wurde ich Anfang des Jahres auf das neue Modell aus Wetzlar aufmerksam, mit Verbesserungen in der Linsenfertigung, der technischen digitalen Möglichkeiten und einem geringeren Objektivdurchmesser. Schon auf den ersten Blick, beim ersten Handling meines Testmodelles fällt es auf: Das Leica Geovid Pro 32 hat dasselbe Design wie sein großer Bruder, wieder das leicht genarbte, gummierte stickstoffgefüllten Magnesiumgehäuse. Wieder die bekannte offene Brücke die ein sicheres Halten ermöglicht, nur ist es ca. drei Zentimeter kleiner und ca. 150 gr leichter. Auch der konturförmige Neopren-Trageriemen ist im Lieferumfang wieder dabei.

Zunächst stellt sich die Frage ob man hier eine 8- oder eine 10-fache Vergrößerung wählen soll: Ich hatte in der Vergangenheit mehrere Jagden, bei denen ich beide Vorgängermodelle dabei hatte um zu vergleichen. Das Ergebnis: Die Vorteile des 10fachen Glases kann man aufgrund von fehlenden Auflagen, Zittern bei körperlicher Anstrengung, etc. selten ausspielen, weswegen ich lieber das Achtfache wähle.

Zunächst fällt bei der Durchsicht durch das „alte und das neue Modell“ auf, dass Leica es tatsächlich geschafft hat, nochmal den Kontrast und die Brillanz zu verbessern. Wenn man auf einem ruhigen Ansitz sitzt, das Ziel vor Augen behält und einmal „das alte“ und dann „das neue“ Glas vor Augen nimmt, kann man es feststellen. Nicht viel, aber es ist schon zu sehen. Auf Nachfrage im Werk wurde als Grund die Verwendung der neuen Perger-Porro-Linsen genannt.

Das geringere Packmaß, weniger Gewicht und Abmessung macht sich schnell bemerkbar, im Rucksack und um den Hals. Denn mit jedem verstrichenen Lebensjahr nehme ich immer weniger mit auf die Pirsch und habe deswegen nicht minder Jagderfolg.

Das Leica Geovid Pro 32 hat wieder die beiden obenliegenden Haupttasten, die zur Entfernungsmessung, für die Zusatzfunktionen und zum Navigieren durch das Menu dienen. Nach wenigen Anwendungen arbeitet man damit intuitiv, wie bei den vorherigen Modellen. Neu ist nun: Der Ballistikrechner im Fernglas und eine dazu passende App im Smartphone, die in wenigen Handgriffen installiert ist. Per Bluetooth steht die Verbindung. In der App werden die Daten konfiguriert und wiederrum auf das Fernglas übertragen.

Die ab Werk mitgelieferte Software „Applied Ballistics Ultralight“ bietet bereits eine Darstellung von ca. 750 Fabrikmunitionspatronen, zusätzlich zur umfangreichen Leica Datenbank. Hierbei werden Geschossdurchmesser, -gewicht, der ballistische Koeffizient, die Mündungsgeschwindigkeit, die Einschussentfernung sowie die Visierhöhe eingegeben. So können mit einer Messung im Geovid Flugbahnen und die dazugehörigen Korrekturen für den genauen Haltepunkt am Zielfernrohr auf bis zu 800 Meter berechnet werden.

Upgrades auf fortgeschrittene Softwareversionen sind ebenso möglich, bei der dann die Eingabe von Spindrift, Corioliskraft, Dralllänge und -richtung, usw. noch exaktere Messergebnisse garantieren. Das am besten in Kombination mit einem Kestrel Wettermesser für Angaben von Wind, Luftfeuchtigkeit, Druck und Höhe. Hiermit sind dann Korrekturangaben bis 2.300 Meter möglich.

Das Leica Geovid Pro 32 ermöglicht Entfernungsmessungen von ca. 10 bis 2.300 Meter, auch bei etwas schlechteren Wetter- und Lichtbedingungen, sogar durch Gräser und Äste hinweg. Die nicht einfach erhältliche CR2 Batterie soll 2.000 Messungen halten, in meinem Leica Geovid 42 hält sie „ewig“. Wenn sie schwächer wird blinkt die Anzeige und muss dann gewechselt werden.

Neu ist außerdem die Leica ProTrack (LPT™) Funktion, mit der man geografische Positionen im Gelände bestimmt. Die Position der jeweils letzten Entfernungsmessung wird gespeichert und kann für die Zielführung abgerufen werden. Ein Beispiel: Ich spreche mit dem Glas auf 240 Meter einen Rothirsch an, messe die Entfernung und verwende dies zur Haltekorrektur an meinem Zielfernrohr. Der 14ender liegt im Knall, aber die hohen Gräser und die einbrechende Abenddämmerung ermöglicht mir nach dem Abbaumen keinen direkten Blick mehr zu meiner Beute. Ein Blick auf das Display meines Smartphones zeigt mir nun eine Kompassnadel an, die mich sicher zum Ziel geleitet, auch wenn ich – z. B. aufgrund von Naturbedingungen – nicht den direkten Weg gehen kann. Fortgeschrittene verwenden dazu Karten von Google oder BaseMap, so dass man alles in einer grafischen Geländedarstellung sieht. Mit diesem GPS-Tracking wird ein schneller und waidgerechter Gang zum Anschusspunkt ermöglicht.

Alles zu kompliziert? Alles zu technisch? Leica hat auf seiner Homepage 12 Tutorials – in einfachem Englisch – das sämtliche Funktionen genau erläutert. Eine nicht-repräsentative Umfrage unter 100 Jägern ergab aber, dass nur knapp 10 % diese Zusatzfunktionen wirklich nutzt. Ausnahme: Long-Range-Schützen sowie Bergjäger in extremen Regionen der USA und Asien. Ich nutze persönlich auch meist nur die Basisfunktionen, glaube aber, dass alle Anwender die einmal die LPT™-Funktion ausprobiert haben, diese nicht mehr missen wollen.

Was verbesserungswürdig wäre: Je nach Öffnungswinkel der Gläser hat man den Eindruck das die LED-Anzeige der Messwerte im Glas „schief steht“, da diese wohl auf einen Mittelwert justiert ist und sich nicht anpasst. Das hat keinen technischen Einfluss, es stört nur etwas. Auch wären die Konstrukteure gut beraten, die Stromversorgung auf eine Batterie der Leistungsklasse CR 123 A umzustellen, die hält noch länger und ist vor allem in den meisten Fotogeschäften dieser Welt zu finden.

Das Leica Geovid Pro 8×32 ist eine klare Kaufempfehlung. Ich habe es schon für mich geordert, es wird mein neues Universalglas und mein 10 Jahre altes Leica Geovid 8×42 ablösen, dass ich gerade auf einer Internetverkaufsplattform anbiete. Zu Weihnachten liegt das Neue dann unter dem Baum, denn die schönsten Geschenke macht man sich immer selber…

Copyright © Text und Bilder: Dr. Frank B. Metzner

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