Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, an einer traditionellen deutschen Drückjagd teilzunehmen, und zwar im Revier von Leica, wo Brauchtum und Regeln voller Stolz gelebt werden. Und wenn ich auch von Anfang an einige Unterschiede zur Jagd bei mir daheim feststellte, so waren doch die Stimmung und die Gefühle dieselben.

Schweigend stehen wir noch in der kalten Morgendämmerung um ein loderndes Lagerfeuer. Um mich herum dampfen Kaffeebecher, der Atem steht weiß und wolkig in der Luft. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Man grüßt einander leise, aber herzlich, und nach und nach bilden sich kleine Gruppen, die sich in gedämpfter Lautstärke unterhalten. Ferdinand, mein Gastgeber, nimmt sich etwas Zeit und erklärt mir Punkt für Punkt den Tagesablauf, die Sicherheits- wie die Jagdregeln und die Traditionen, die hinter allem stehen. Langsam macht sich Unruhe unter den Jägern breit, ganz ähnlich wie bei einer spanischen Monteria kurz vor dem Auslosen der Stände. Hier in Deutschland aber ist diese Unruhe gezügelt, gedämpft, kaum wahrnehmbar.

Jagd- und Forstleitung beginnen mit ihren Unterweisungen. Ferdinand übersetzt. Sicherheit steht über allem. Und jetzt fallen mir deutlichere Unterschiede auf: Alle Jäger tragen ihre Waffen mit offenem Schloss über der Schulter. Auch das dient ausschließlich der Sicherheit, wie man mir erklärt.

Ich bekomme leihweise eine Merkel RX Helix in .30-06 Springfield, dazu Munition von Federal. Auf der Waffe ist ein Leica Magnus 1-6,3x24i montiert. Ich bin mit beidem vertraut – Waffe wie Glas – da ich beides auch zu Hause zur Jagd nutze. Punkt 09:00 Uhr sind die Ansprachen zu Ende und jede Gruppe versammelt sich um ihren jeweiligen Ansteller. In Ruhe, aber ohne Zeitverlust, steigen alle ein und wir fahren zu den Ständen.

Die Landschaft ist ganz ähnlich wie daheim im Norden Spaniens. Das nasse Laub, die Kiefern, der feuchte Nebel in den Baumkronen: es riecht wie zu Hause. Man teilt mir mit, dass heute Reh- und Schwarzwild freigegeben ist. Aber die Abschussregeln, die Anweisungen, worauf zuerst zu schießen ist, sind beinahe diametral gegenläufig zu denen in Spanien. Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen Spanien und Deutschland: In Deutschland sind die Regeln von beinah chirurgischer Präzision, während diese in Spanien sehr viel flexibler gehandhabt werden – aber vielleicht nicht ganz so effektiv.

Alle Jäger sind weithin sichtbar, hier ist Signalkleidung gesetzlich vorgeschrieben. Alle Stände sind auf Drückjagdböcken oder Hochsitzen. Mein Gastgeber bringt mich zu meinem Stand, weist mich ein und bittet mich, meine Waffe erst oben auf dem Stand zu laden. Die Jagd endet exakt um 11:45 Uhr, schärft er mir ein. Dann muss die Waffe entladen werden. Zudem darf ich den Stand unter keinen Umständen verlassen. Schießen darf ich nur gegen sicheren und sichtbaren Kugelfang. Sicherheit ist hier das bestimmende Element.

In aller Stille beginnt das Treiben. Ich höre weder Hundelaut noch Treiber. Aus dem Augenwinkel bemerke ich eine Bewegung zu meiner Linken: eine Rehgeiß mit Kitz trollt an meinem Stand vorbei. Die maximale Schussentfernung auf deutschen Drückjagden, so habe ich mir sagen lassen, liegt bei maximal 80 Metern. Das ist ziemlich genau die Entfernung zu diesem Wild. Selbst wenn sie angehalten hätten, hätte ich nicht geschossen. Mehrere Minuten verstreichen, ich höre gedämpfte Einzelschüsse. Auch dies ist ein Unterschied zu Spanien, wo es oft so klingt, als befände man sich im Kriegsgebiet, wenn rundherum Magazin um Magazin abgefeuert wird.

Eine weitere halbe Stunde vergeht ohne große Ereignisse. Dann bemerke ich erneut Bewegung links: diesmal sind es die Hunde. Jetzt höre ich auch die Treiber mit ihren rhythmischen, langgezogenen Rufen. Es ist eine elegante, ruhige Melodie, aber für mich fühlt sie sich zu leise und wirkungslos an. Einige Rehe kommen vorbei, in elegantem Troll – nicht in der wilden, vollen Flucht, die ich von Spanien gewöhnt bin. So oder so beschießen wir nie Rehe auf der Monteria, das Ziel ist zu schnell und anspruchsvoll. Das würde nur zu schlechten Schüssen und womöglich erfolglosen Nachsuchen führen. Diese Drückjagd hier ist wahrscheinlich die, auf der ich das meiste gut beschießbare Rehwild gesehen habe.

Punkt 11:45 Uhr entlade ich weisungsgemäß meine Waffe und warte, bis Ferdinand mich abholt. Jedes Stück wird umsichtig geborgen und aufgeladen. Nach einer wärmenden Kartoffelsuppe brechen wir zum zweiten Treiben auf. Wieder führt mich mein Gastgeber zu einem vielversprechenden Stand, vor dem sich eine Dickung befindet und dahinter einsehbarer Hochwald. Während ich meine Waffe lade, steht ein Rehbock nur wenige Meter neben mir aus dem Lager auf und flüchtet.

Nach einer halben Stunde höre ich die Treiber. Ruhige Minuten vergehen, nur weit entfernt bellen ein paar Schüsse auf, dann sehe ich Bewegung in der Dickung. Ich halte den Atem an und hoffe, dass die Sau mich nicht wahrnimmt. Zäh fließen die Sekunden dahin, dann steht sie mit einem Mal im Freien. Keine Zeit zu verlieren: ich schieße. Ich repetiere instinktiv, da überfallen fünf weitere Sauen die Schneise. Ich fahre mit und lasse die Kugel auf einen Überläufer fliegen. Die Sau zeichnet nicht und verschwindet im Bestand.

Binnen weniger Minuten sind zwei Treiber an meinem Stand. Ich weise ihnen beide Anschüsse und hoffe, dass das Wild sicher und gut getroffen ist. Glücklicherweise liegen beide wenige Meter neben der Schneise. Mit lautem „Waidmannsheil!“ ziehen die Treiber beide Sauen zum nächsten Weg.

Eben noch kochte das Adrenalin in meinen Adern, jetzt fühle ich Frieden und Dankbarkeit, sowohl gegenüber meinem Gastgeber als auch gegenüber dem Wald für diesen wunderbaren Jagdtag. Besser geht es nicht. Ich hatte reichen Anblick, guten Anlauf und konnte meine Chance erfolgreich nutzen. Doch wenige Minuten vor dem Ende des Treibens höre ich zum ersten Mal Hetzlaut in meiner Nähe. Das lässt bei jedem Jäger die Alarmglocken schrillen, heißt dieser Laut doch nichts anderes als dass Wild hochgemacht wurde und mit ihm die womöglich letzte Chance dieses Jagdtages naht.

Zurück am Sammelplatz werde ich von fast allen Teilnehmern der Jagd beglückwünscht. Ich spüre die rückhaltlose Ehrlichkeit, das Glück, den Stolz. Glückwünsche kenne ich auch von zu Hause, aber dort sind sie oft nicht so ehrlich gemeint, wie sie klingen.

Dieser letzte Teil der Jagd ist anders als in Spanien, neu und anrührend: Der Respekt vor dem erlegten Wild, die Anerkennung der Jäger, die sauber gelegte Strecke, Fackelschein, Hörnerklang, stilles Verweilen. Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was ich empfinde.

Wir mögen unterschiedliche Traditionen haben, eine etwas andere Ethik, unsere Landschaften und das Klima mögen unterschiedlich sein, ebenso wie die Art, in der wir unseren Gefühlen Ausdruck verleihen. Aber tief drin sind die Gefühle, der Instinkt, der Respekt deckungsgleich. Darum nenne ich meine Jagdgefährten „Jagdbrüder“.

Waidmannsheil!

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